Obwohl es nur knapp einhundert Seiten lang ist, hat mich “Am Ende des Regenwaldes” sehr mitgenommen. Es beschreibt das unglaublich traurige Schicksal von zwei indigenen Mädchen, Daboka und Loca, die mit ihrem Stamm unberührt von der Außenwelt im ecuadorianischen Regenwald leben. In einem grauenvollen Massenmord wird ihr Stamm zerstört, ihre Familie getötet und die beiden Mädchen aus ihrem freien Leben gerissen, hinein in eine Welt, die sie nicht verstehen können.

Dieses Buch ist nach der letzten Worten noch nicht vorbei

„Am Ende des Regenwaldes“ ist natürlich ein schnell beendetes Buch, aber es braucht gar nicht viele Seiten um einen Leser noch für lange Zeit zu beschäftigen. Die Geschichte der Mädchen basiert auf einer wahren Begebenheit aus dem Jahr 2013, die ein bisschen Internet-Recherche zur Realität werden lässt. Das Buch ist sehr nah dran an der Wahrheit, bietet aber ein weitaus angenehmeres Ende als die zwei Schwestern, Conta und Daboka (damals 6 und 3 Jahre alt) selbst erlebt haben. Zunächst gelangten sie in die Hände des Huaorani Clans, der ihren eigenen zerstört hat und wie zwischen zwei Welten von den alten Traditionen und neuen, westlichen Lebensweisen zerrissen ist. Die ältere Schwester wird schließlich von Regierungstruppen in ein anderes Dorf gebracht – per Helikopter, noch dazu -, da sie nicht bei den Männern bleiben sollte, die ihre Familie töteten. Offenbar hat das Mädchen ihre Entführer außerdem ganz klar wissen lassen, was sie von ihnen hielt. Ihre Schwester musste sie allerdings zurücklassen; es scheint als wäre sie schon offiziell adoptiert worden. Da bleibt nur zu hoffen, dass sie jung genug war um ihre tragische Vergangenheit zu vergessen und in ihrem neuen Leben irgendwie glücklich zu werden.

Widersprüchliche Berichte bilden einen Informations-Dschungel

Die vielen verschiedenen Beiträge zu dieser Geschichte zeigen, wie unglaublich schwierig es ist die Wahrheit über den gesamten Vorfall herauszufinden. Pro- und Anti-Regierungs-Gruppen streiten sich um die Interpretation und den Wahrheitsgehalt der Hinweise und Fakten, Conta wird von ihrer neuen Familie geschützt und keinen Interviews vorgeschoben, verschiedene Konflikte machen es schwierig die “Clan-Politik” zu durchschauen; doch bei all dem hin und her ist immerhin eine Sache deutlich: Westliche Firmen, Ölplantagen und Waldrodungen spielen eine viel größere Rolle im Leben der indigenen Stämme, als sie sollten. Die Regierung ist dem Gesetz nach verantwortlich für den Schutz dieser Menschen, die seit mehreren Jahrzehnten klar machen dass sie mit der westlichen Welt nichts zu tun haben möchten – doch um die Wirtschaft voranzutreiben, scheint es kein Gesetz zu geben bei dem man nicht wegschauen kann. Ich habe auf einer Website über die Huaorani viel zu diesem Konflikt gelesen, und die Worte von Contas neuem Schutzpatron Baihua sind besonders nachklingend: “Sie haben genug Ölfelder.”

Contas Geschichte wird zur Lawine

„Am Ende des Regenwaldes“ ist ein wahrhaftiger Denkanstoß zum Reflektieren: Über unsere Verbindung zu der Natur und dem Planeten auf dem wir Leben, über die Verantwortung die wir gegenüber ihnen und anderen Menschen haben, wie wir ihr gerecht werden können und das sich vieles, vieles ändern muss wenn wir nicht daran Schuld sein wollen, unsere Heimat zu zerstören. Dieser Gedanke erscheint fast absurd, weit weg von der Realität und übertrieben – aber Geschichten wie die von Conta und ihrer Schwester beweisen das Gegenteil genauso wie die dringliche Notwendigkeit, das zu erkennen. Zu dieser speziellen Geschichte gehören noch viele andere Aspekte dazu – ein Buch, das Minuten vor der Veröffentlichung verboten wurde nur um im Internet Feuer und Flamme zu fangen, fragwürdige Handlungen der Regierung und Proteste für das wohl der indigenen Völker. Ich kann euch nur dazu ermutigen dieses wichtige Thema zu entdecken, angefangen bei “Am Ende des Regenwaldes”.

Vielen Dank an den Magellan Verlag für dieses bewegende Rezensionsexemplar!

Am Ende des Regenwaldes| Marion Achard | Originaltitel: Le Peuple du Chemin| Übersetzung: Anna Taube| Magellan Verlag, 2019 | Hardcover: 94 Seiten | Meine Wertung: ★★★★★

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