Jeden Donnerstag besucht Perry ihre Oma im Heim Santa Lucia. Oma weiß nicht immer, wer Perry eigentlich ist, und außerdem findet sie, Perry sei ein Jungenname. Aber Perry macht das nichts aus. Und dann hat sie diese gute Idee mit dem Abc! Ein Buch über alle und alles in Santa Lucia, bei dem Oma und die anderen mitmachen sollen. Es geht zwar etwas durcheinander, und das Ganze wird eher ein Acb oder ein Abv. Aber ein bisschen Anarchie hat noch niemandem geschadet.  Quelle: Verlag 

Die Anarchie der Buchstaben ist ein wirklich außergewöhnliches Buch, bei dem es mir schwer fällt meine Gedanken in Worte zu fassen. Man weiß, dass die junge Protagonistin Perry ihre Oma regelmäßig im Heim besucht, aber ansonsten steigt man ohne Erklärung in die Geschichte ein. Und obwohl ein paar der wichtigsten Informationen genannt werden, ist der Großteil von ihnen zwischen den Zeilen versteckt. Warum Honora Lee im Heim lebt, ist wahrscheinlich klar. Aber es gibt viele unausgesprochene Dinge, zum Beispiel was Perry so ‘anders’? macht. Gerade weil ich kein Experte in den Gebieten bin die hier auftauchen, konnte ich einiges nicht komplett verstehen.


Trotzdem hat es mir sehr gut gefallen. Das Buch erlebt man aus der Perspektive von Perry, die schon als so junges Mädchen einfach eine einzigartige und großartige Persönlichkeit hat. Sie ist liebenswert, intelligent und weiß genau, was sie will. Wie sie mit den Senioren im Heim umgeht ist wundervoll ehrlich, und auch ihre kleinen Eigenarten lernt man schnell kennen. Perry ist ein toller Charakter, und ich kann mir niemanden vorstellen der sie nicht ins Herz schließen würde.

Ihre kindliche Sichtweise auf ein ernstes Thema hat hier perfekt gepasst und regt noch einmal auf ganz andere Weise zum Nachdenken an. Man hört, wie Perry selbst, nur bestimmte Dinge die die Erwachsenen um sie herum sagen – allein schon, weil sie sich meistens dafür nicht sonderlich interessiert. Für uns reichen diese Ausschnitte aber aus, um eigene Schlüsse zu ziehen. Gleichzeitig beweist Perry aber auch, dass Kinder eben doch mehr mitbekommen, als man ihnen zutraut.

Nach dem Lesen habe ich das Buch an meine Oma verliehen um ihre Meinung zu hören, da ich noch ein wenig unschlüssig war und sie jahrelang in einem Altersheim gearbeitet hat. Und tatsächlich hat es sie noch mehr bewegt als mich. Sie fand die Geschichte von Perry und Honora Lee unglaublich berührend und hatte an einigen Stellen sogar Gänsehaut. Ich fand es sehr interessant, dass sie es noch einmal ganz anders wahrgenommen und viele Lücken anders interpretiert hat als ich. Darin liegt vielleicht auch die Stärke dieses Buches. Es fordert den Leser gerade durch den Mangel an offensichtlichen Informationen heraus, selbst aktiv zu werden und dabei die eigenen Einstellungen und Ansichten in Frage zu stellen. 

Im Buch sind außerdem viele kleinere Illustrationen verteilt die sehr künstlerisch sind, aber meistens direkten Bezug zum Text haben. So wird die Geschichte noch anschaulicher, und ich habe auch ein paar Theorien wofür sie symbolisch stehen könnten. Mir gefällt auch die handliche Größe des Buches, das Cover und generell die Gestaltung sehr – eben ein echtes Königskind! 
Mit der Anarchie der Buchstaben bekommt man einen kurzen Blick hinter die Tür des Lebens von Honora Lee und ihrer Enkelin Perry, die beide irgendwie anders aber eben trotzdem ganz normal sind. Obwohl man mit vielen Fragen zurückbleibt, behält man ihre Geschichte noch lange in Erinnerung. Und auch, wenn hier einige ernste Aspekte verarbeitet werden, hat man beim Lesen doch ein Lächeln im Gesicht – denn die kleine Perry ist einfach ein richtiger Sonnenschein.
Die Anarchie der Buchstaben | Kate de Goldi | Originaltitel: The ACB with Honora Lee| Übersetzung: Ingo Herzke | Königskinder Verlag, 2014 | Hardcover: 150 Seiten | Meine Wertung: ★★★★☆

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